
Gehouden op 8 juni 2006
Verslag Franz-Jozef Höing
Herzlichen Dank für die
Einladung zu dieser spannenden Veranstaltung und herzlichen Dank für die
Möglichkeit zu einem kurzen Statement. Wir haben uns an der MSA – der
Münster School of Architecture im Rahmen eines kleinen Studienprojektes,
das wir Landluft genannt haben, die Region in den zurückliegenden Wochen
angeschaut, sozusagen Stichproben genommen und der ein oder anderen Gemeinde den
Puls gefühlt oder nach dem allgemeinen Befinden gefragt. Wir haben ein paar
Zahlen und Tabellen studiert und uns durch kurze Bereisungen ein erstes Bild
gemacht. Unsere Einschätzungen sind bislang nicht wissenschaftlich im
engsten Sinne. Dennoch möchte ich davon ein wenig berichten. Der erst
Eindruck ist ernüchternd.
In einigen Vorgesprächen habe ich mich auch mit Herrn Scholz und Herrn
Schepers länger unterhalten über die Kultur des Bauens in dieser
Region. Wenn man in solchen Gesprächen nicht aufpasst, ist man schnell in
einer Phase des Selbstmitleids und bei nostalgischen Blicken zurück auf
eine vermeintlich viel bessere Zeit, als man scheinbar noch wusste, wie man eine
überzeugende bauliche Haltung in diesem Raum entwickeln kann. Das hat eine
lange Tradition bei den Planern und Architekten.
Wenn wir ehrlich sind,
müssen wir feststellen, dass wir uns im Kreis drehen – und das im
wahrsten Sinne des Wortes, seit Jahren schon. Man vermisst einen
Erkenntnisgewinn wenn es um das Bauen in unserer Region geht. Aber man merkt,
dass das Unbehagen immer noch vorhanden ist, das es sich noch
vergrößert hat – vielleicht sogar proportional zum Wachsen und
Wuchern der Orte und Städte. Man hat den Eindruck, dass die zentrifugalen
Kräfte noch einmal richtig an den Grundfesten der vorhandenen Strukturen
zerren.
Wir verstecken die Häuser hinter hohen Wällen und einem
hohl gewordenen Vokabular dörflichen Idylls, wir kopieren die Formen
schlecht und schreiben sie für die Zukunft fest – ohne noch zu
wissen, welche ursprüngliche Funktion und Bedeutung sie gehabt haben. Unser
ganzes Städtebau- und Architekturgehabe ist voller Widersprüche und
klebt an liebgewordenen Bildern längst vergangener Zeiten. Wahrscheinlich
hat man so die Orte vor dem Schlimmsten bewahrt, Architektur ist aber nur selten
und dann eher zufällig entstanden.
Das Ausmaß der
Veränderungen ist gewaltig – ohne das es so richtig und in
Summe wahrgenommen wird –vielleicht auch weil viele daran viel verdienen
und einem möglicherweise auch die Vorstellung, dass etwas anders sein
könnte - ja müsste -schlicht fehlt. Wir verwechseln regionales Bauen
mit Regionalismus. Das regionale Bauen ist eingebettet in die realen Bedingungen
einer Region, ist unmittelbarer Spiegel einer konkreten Lebensumwelt, es ist
nicht abgeschlossen und vermag auf die Vorgänge in der Welt und auf die
Zeit zu reagieren. Der Regionalismus dagegen macht die vermeintlichen baulichen
Merkmale einer Region zum architektonischen Thema oder entwertet sie zu einer
Formel. Er ist Mittel der Einkleidung, er ist die Lederhose oder das
blauweißgestreifte Hemd, das der Notar am Wochenende an seinem
Zweitwohnsitz anzieht – in blinder Liebe und fataler Respektlosigkeit- so
definiert es jedenfalls Friedrich Achleitner, der große
Architekturkritiker und Architekturvermittler aus Österreich.
Das
Bauen in dieser Region zu steuern in Richtung einer überzeugenden
regionalen Baukultur mutet bei näherem Hinsehen an, wie der Kampf gegen die
viel zitierten Windmühlenflügel. Und der verrückte Ritter von der
traurigen Gestalt taugt ja so recht als Vorbild nicht.
Denn denken wir noch
einmal kurz zurück wie das damals war bei Cervantes, wie Don Quijote den
ungleichen Kampf aufgenommen und der Gefahr ins Auge gesehen hat und schon vorab
eine klare Schadensbilanz vorlegen konnte: Merke dir Freund Sancho, dies sind
keine Abenteuer, bei denen man goldene Inseln gewinnt, sondern solche, die zu
nichts anderem führen als einem zerbrochenen Schädel. Und dies sagend,
gab er seinem Gaul Rosinante die Sporen. Wie die Geschichte endet, wissen Sie
alle wahrscheinlich noch: Er griff die erste Mühle an, und kugelte wenig
später gar übel zugerichtet übers Feld.
Es bringt also rein
gar nichts, wie ein literarischer Pilger den Spuren der hohen abgerissenen
Rittergestalt mit der Lanze und dem Dickwanst auf dem niedrigen Esel noch
länger zu folgen.
Deshalb möchte ich ein paar etwas generellere Gedanken zum Bauen und zu den
Entwicklungen der Städte hier in der Region formulieren –nicht aus
der Rolle eines bauenden Architekten sondern aus der eines Städtebauers und
Stadtplaners und der eines Hochschullehrers - allerdings ohne Besserwisserei und
ohne akademische Allüren. Wir an der Hochschule wollen ja nicht die
Seismographen sein, die die Erschütterungen unserer Umwelt kartieren
sondern wollen uns einbringen bei der Suche nach Lösungen aus dem Dilemma.
Die Überschrift über den heutigen Abend lässt sich ja in
vielerlei Hinsicht lesen. Ich möchte mich in den kommenden Minuten weniger
mit einem Ländervergleich beschäftigen als ein paar kritische Thesen
und Themen ansprechen, die wir im Münsterland zu beobachten glauben. Denn
grenzenlos ist das Bauen schon hier in vielerlei Hinsicht und das im wahrsten
Sinne des Wortes von A bis Z:
Ascheberg 35,1 ha Ahaus 150,7
ha, Billerbeck 30,4 ha, Bocholt 124,8 ha, Borken 82,2 ha
Coesfeld 101,8 ha, Gescher 38 ha, Gronau 101 ha, Havixbeck 24,6 ha, Heek 50 ha,
Isselburg 31,3 ha, Lüdinghausen 88,2 ha, Nottuln 80,4 ha, Olfen 70,1 ha....
Man könnte die Liste noch lange fortsetzen. Die nackten Zahlen
stehen für die prognostizierten zusätzlichen Flächenbedarfe bis
2020. Ein Großteil der benötigten Flächen soll auch künftig
für den Bau von Einfamilienhäusern genutzt werden. Wenn man so will,
ist es eine nüchterne Trendfortschreibung im Auftrag einer großen
Sparkasse für zwei Kreise in dieser Region. Wir haben es seit Jahren mit
einer massiven Ausweisung von Bauland zu tun und erst wenn man die einzelnen
Flächen addiert, erkennt man das ganze Ausmaß genauer. Das, was aus
der jeweiligen Sicht einer Gemeinde vielleicht Sinn machen könnte, ist in
der Gesamtschau durchaus kritisch.
Wir sollten uns das klar machen: Bis 2020
haben allein zwei Kreise den Flächenbedarf von rund 1600 Hektar berechnet.
Und das bezieht sich nur auf den Bedarf für das Wohnen. Nimmt man die
übrigen Kreise der Region hinzu, verdoppelt sich die Zahl noch.
Wohlgemerkt: Die ganzen Flächen stehen in politisch verhandelten
Gebietsentwicklungsplänen, sie tauchen auf in den so genannten
Flächennutzungsplänen aus denen scheibchenweise Planungsrecht
entsteht.
Die Gemeinden in den Kreisen des Münsterlandes setzen also
nach wie vor auf quantitatives Wachstum und weisen Flächen in einem
Ausmaß aus, als würden nicht viele Indikatoren darauf hindeuten, dass
die zentrifugalen Kräfte an Bedeutung verlieren - auch wenn das bislang
für viele Orte noch ein wenig aus dem Bauch des Architekten und des
Stadtentwicklers heraus gedacht zu sein scheint und dieser Trend zurück in
die Stadt oder zurück in die zentraleren Lagen der Kleinstadt bislang nur
in homöopathischer Konzentration messbar ist.
Dennoch, viele Anzeichen
deuten auf eine Trendverschiebung hin:
Der Aufwand zur Raumüberwindung
wird zunehmend höher. Das Versprechen grenzenloser Mobilität bei
geringsten Kosten kann nicht mehr eingehalten werden. Die Benzinpreise steigen
stetig an und die Refinanzierung durch Kilometerpauschalen verschwindet. Der
Zeitfaktor spielt in den Entscheidungen eine zunehmende Rolle. Verstopfte
Straßen erhöhen den Zeitaufwand, um von A nach B zu kommen.
In den kommenden 20 Jahren wird der Anteil der potentiellen Bauherren
klassischer Ausprägung (zwischen 30 und 45 Jahren) um 25 Prozent sinken.
Die Klientel also, auf die das Angebot bislang wesentlich zugeschnitten ist, ist
- überspitzt formuliert - eine aussterbende Spezies.
Die Garantie
eines sicheren Arbeitsplatzes gibt es immer seltener und ist in machen Brachen
so gut wie verschwunden. Die Zuversicht oder das Grundvertrauen in eine stetige
berufliche Biographie ohne Lücken und stabiler Einkommen ist so gut wie
nicht mehr existent. Dies ist aber für viele Bauherrn die wichtigste
Voraussetzung, um sich für einen Hausbau zu entscheiden und für die
Geldgeber unerlässlich. Das Leben in einem engen Netzwerk an beruflichen
und privaten Beziehungen wird zukünftig immer wichtiger. Die Stadt ist
dafür in viel größerem Maße geeignet, als eine kleine
Gemeinde. Natürlich trifft das besonders für junge Menschen zu.
Die Stadt wird aber auch wieder attraktiv für diejenigen, die
älter werden. Nicht nur die Nähe zu medizinischen Einrichtungen
sondern auch die Nähe zu kulturellen Angeboten, die Nähe zu den
Kindern, zu einem attraktiven hochwertigen Einzelhandelsangebot in geringer
Entfernung vom Wohnort – alles das gewinnt zunehmend an Bedeutung.
Für einige Großstädte ist dieser Trend bereits seit geraumer
Zeit deutlich spürbar. Menschen verkaufen ihr Einfamilienhaus und erstehen
eine Wohnung in zentraler Lage, zusammen mit Freunden und Gleichgesinnten. Das
große Haus wurde nämlich zusehens eine Last, die Entfernungen zu
groß.
Schaut man auf die Siedlungsentwicklung, hat man den Eindruck, dass man es man
mit einem Raucher zu tun hat, der sich schon lange gute Vorsätze zurecht
gelegt hat und vor dem Aufhören noch ein paar Packungen Zigaretten ohne
Filter rauchen möchte – entgegen aller Warnungen der Ärzte und
obwohl die Kondition schon jetzt mehr als zu wünschen übrig
lässt. Manchmal sind die Ärzte auch richtige Raucher.
Man
fühlt sich auch an die Szene im Kino erinnert: in der in der ersten Reihe
eines vollbesetzten Saales einer der Zuschauer den Eindruck hat, nicht
ausreichend sehen zu können. Um dieses Manko abzustellen, steht er auf,
optimiert aus seiner Sicht die Situation und versperrt dem hinter ihm sitzenden
Zuschauer den Blick. Der beschwert sich kurz und steht dann aber auch auf, um
die möglicherweise spannendsten Szenen des Films nicht zu verpassen. Das
geht jetzt wie ein Lauffeuer durch den Saal – bis letztlich alle stehen.
Jeder kann jetzt wieder fast so gut sehen, wie vorher – sitzt aber nicht
mehr im schönen Sessel. Auch wenn das Beispiel hinkt – man fühl
daran immer wieder erinnert, wenn man die Entwicklungen der Städte in
unserer Region betrachtet. Es ist ein permanentes trading down. Man versucht
möglichst viel vom Kuchen der potentiellen gut verdienenden Einwohner
für sich zu gewinnen – durch Regelfreiheit beim Bauen, Zuschüsse
für den Ansiedlungswilligen, subventionierte Baulandpreise....
Hierbei spielt die mit Abstand größte Stadt in der Region
kräftig mit – und zwar durchaus erfolgreich. Eine offensive
Baulandausweisung und Erschließung in den letzten 15 bis 20 Jahren hat
dazu beigetragen, Bewohner in der Stadt zu halten – sie nicht an das
werbende Umland zu verlieren. Leider, so unser Eindruck hat die Stadt dabei nur
in ganz seltenen Fällen versucht, einen alternativen Weg zu gehen, ein
alternatives Wohnangebot zu formulieren, eine städtische Antwort zu geben,
neue Haus- und Wohnformen zu entwickeln, den Vorbehalte gegen eine
städtische Dichte mit überzeugenden Beispielen entgegen zu treten.
Stattdessen sieht es in so manchen Stadterweiterungsgebieten ähnlich oder
genauso aus, wie in der gesamten Region in den kleineren Gemeinden. Als
Großstadt der Abstimmung mit den Füßen vehement
entgegenzutreten ist meiner Auffassung nach gleichwohl richtig.
Dazu gibt es
keine Alternative denn es kann nicht sein, dass eine gut verdienende
Mittelschicht den Exodus aus der Stadt antritt, es sich auf dem Lande hinter neu
angelegten meterhohen Lärmschutzwällen entlang der neuen
Umgehungsstraße gemütlich macht und eine Großstadt wie
Münster darauf nicht reagiert. Insofern ist die Strategie der Stadt in den
letzten Jahren sicherlich erfolgreich gewesen. Leider trifft das für die
Architektur und den Städtebau nur bedingt zu. All zu häufig ist nicht
mal richtig Siedlung, und noch viel seltener wirklich Stadt gebaut worden.
Bodenpreise
Der Motor kommt
allerdings ein wenig ins Stottern. Die Preise für den Boden stagnieren in
einigen Städten bereits. Man sollte aufpassen, nicht in eine Spirale hinein
zu geraten, bei der die eine Gemeinde die andere mit niedrigen
Quadratmeterpreisen auszustechen versucht. In einzelnen Fällen lässt
sich das mittlerweile beobachten. Da hat man großflächig neue Areale
erschlossen und fängt an, aufgrund gebremster Nachfrage und großen
finanziellen Drucks die Preise zu senken. Das mag kurzfristig für
Entlastungen des städtischen Haushalts sorgen, auf längere Sicht muss
man die Tragfähigkeit eines derartigen Vorgehens in Frage stellen. Und
leider scheint gerade Architektur und Städtebau dann einen
geringeren Stellenwert einzunehmen. Häufig ist man bereit, auch und gerade
diesbezüglich Abstiche zu machen obwohl genau das Gegenteil angeraten
wäre. Dabei wäre ja grundsätzlich gegen Gratifikationen nichts
einzuwenden, wenn man sie an Qualitätszielen und Verfahrenskultur
knüpfen würde. Leider muss man auch feststellen, dass in manchen
Gemeinden eine solide Bodenvorratspolitik nicht mehr praktiziert wird und
vergibt so die Möglichkeit, aktiv und steuernd auf das Baugeschehen
einzuwirken.
Renditeerwartungen
Ich bin auch
nicht sicher, dass alle Renditeerwartungen und Wertzuwächse, die heute bei
der Finanzierung versprochen werden, zukünftig noch realisiert werden. Wir
werden uns dem vielleicht noch zehn Jahre anhaltenden Wachstum auf ein
Stagnieren einstellen müssen, mancherorts auch auf Schrumpfungen. Keiner
kann das heute exakt benennen. Im Umland großer Städte beobachten wir
seit geraumer Zeit eine Stagnation der Immobilienpreise. Überzogenen
Erlöserwartungen steht eine schwache Nachfrage oder gar keine Nachfrage
gegenüber. Die ursprünglichen Versprechungen sind dahin. Die viel
gerühmten Möglichkeit der Alterssicherung bekommen einen Dämpfer.
Manche Immobilie wechselt bereits den Eigentümer deutlich unter dem
offiziellen Kurs. Beobachtet man etwas genauer, wie lange eine Immobilie
mittlerweile angeboten werden muss, bevor sie den Besitzer wechselt, deutet
bereits darauf hin, dass der Markt schwieriger geworden ist. Diejenigen, die
sich von institutioneller Seite mit der Finanzierung der Suburbanisierung
beschäftigen, sollten auch darüber einmal nachdenken.
Demographischer Wandel
Ein Blick auf
die die bekannten demografischen Baumstrukturen machen deutlich, dass wir uns in
den kommenden Jahren und Jahrzehnten auf eine deutliche Veränderung in der
Altersstruktur der Bevölkerung einzustellen haben. Das weiß
mittlerweile nahezu jeder und der demografische Wandel ist mit großer
Zeitverzögerung im Moment in aller Munde. Einem bayblonischen Sprachgewirr
nicht unähnlich, verkünden derzeit viele vermeintliche Fachleute, wie
man dem vermeintlichen Problem beikommen kann, und welche Antworten der
Städtebau und die Architektur dazu bereithalten. Allzu oft sind es schnelle
Antworten. Ich überschaue nicht vollständig, wie sich der Wandel
konkret auf die Städte auswirken wird. Ich bin nur unsicher, ob das, was
wir heute im Wesentlichen in der Region bauen, in der Lage ist, auf die neuen
Bedürfnisse zu reagieren. Denn das ist in vielen Fällen ausgerichtet
auf die Kleinfamilie – böse Zungen sagen auch Ramafamilie – die
taucht ja in den bekannten Werbespots für einen Brotaufstrich immer wieder
auf und sitzt bei Sonnenschein im großen Garten. Für andere
Lebensmodelle und Lebensabschnitte gibt das derzeitige Bauen wenig Vorzeigbares
her.
Ein paar Worte zum Wohnen aus einem Guss weil
das ja immer wieder als Lösung angeführt wird.
Ich habe
nicht den Eindruck, dass das der Königsweg ist, um den Wildwuchs zu stoppen
– auch wenn die Planer und Architekten immer wieder gerne phantastische
Beispiele anführen, die durch ihre Makellosigkeit, Geschlossenheit und hohe
architektonische Qualität seit Jahrzehnten beeindrucken. Wir alle kennen
die herausragenden Siedlungen von Utzon in Dänemark wie z.B. die in
Helsingör und Fredensborg. Eine geschickte Staffelung von
Gartenhofhäusern lässt große offene und vielfältig nutzbare
Grünräume entstehen und gleichzeitig hat jedes Haus einen
geschützten Garten und den Blick in die offene Landschaft. Räumliche
Komplexität entsteht durch Städtebau und einer genialen
freiräumlichen Interpretation der Landschaft. Die großen
zusammenhängenden
Freiflächen sind Teil der privaten
Grundstücksflächen und werden gemeinsam unterhalten und gepflegt.
Allein durch die unterschiedliche gestalterische Behandlung des Freiraums in den
beiden Siedlungen entsteht eine Unverwechselbarkeit. Die Prägnanz entsteht
durch wenige geschickt gewählte Zutaten.
Es sind eben keine hohlen
Phrasen sondern Qualitäten im täglichen Gebrauch der Siedlung:
minimaler Erschließungsflächenanteil, optimale Flächenzuschnitte
und Grundrisszonierungen im Innern der Häuser, geschützte Gärten,
Wertbeständigkeit durch den Schutz vor gestalterischer Tyrannei des
Nachbarn, Gemeinschaftseinrichtungen, die für das soziale Leben in dem
Quartier von großer Wichtigkeit sind, die Siedlungen liegen in
fußläufiger Entfernung zu den Kernen der jeweiligen Stadt. Und die
Baukosten waren auch Dank der
Standardisierung überschaubar.
Die
Siedlungen erfreuen sich auch deshalb großer Beliebtheit, weil die
Vorteile jeden Tag spürbar sind und nicht, weil irgendwelche formalen
Regeln oder architektonische Ismen oder Messen zelebriert werden. Und fragt man
nach den Wurzeln der Architektur und macht sich schlau, wie der berühmte
Utzon zu seinen Hofhäusern gekommen ist, stößt man auf
traditionelle dänische Hofstrukturen, die er in beiden Fällen
zeitgemäß und zeitlos schön und
frei interpretiert hat
– befreit von allen folkloristischen Beiwerk und vordergründiger
Zitiererei. Die städtebauliche und die architektonische Form entwickeln
sich also nicht so sehr aus einem fertigen Bild. sondern aus einer intensiven
Auseinandersetzung mit dem Wohnen, der Gebrauchfähigkeit von Räumen
und Freiräumen, einer präzisen sozialräumlichen Zonierung und
viel Liebe zum Detail. Und natürlich, weil es jemanden gab, der den
gesamten Prozess begleitet hat – bis zum letzten Stein.
Eine kleine Anekdote vielleicht am Rande.
Die beiden Siedlungen haben wir an
einem späten Abend besucht. Die Studierenden waren schon müde und nur
sanfter Druck hat uns ans Ziel kommen lassen – aber nicht direkt. Als wir
meinten dass wir die Siedlung entdeckt hätten, sind wir ausgestiegen, haben
die Fotoapparate gezückt und sind ehrfurchtsvoll auf Utzons vermeintlichen
architektonischen Spuren gelustwandelt – bis wir gemerkt haben, das der
Teich zu klein war, die Straße einen anderen Verlauf nahm und wir
wahrscheinlich in einer anderen Siedlung stehen – von einem Architekten
gedacht und gebaut, den keiner von uns kennt. Nun warum erzähle ich von
diesem peinlichen Missgeschick eines hoch bezahlten Hochschullehrers? Weil
die Qualität in Dänemark nicht nur in den Highlights des Siedlungsbaus
besteht sondern darin, dass Qualität an vielen Orten gleichzeitig entsteht.
Genau das müsste ja das Ziel sein: eine hohe Qualität in der
Alltagsarchitektur. Auch in den letzten Jahren sind in Dänemark traumhaft
schöne Siedlungen entstanden, in überschaubarer Größe und
mit ähnlichen Qualitäten. Die Bilder mögen für den ein oder
anderen von ihnen gewöhnungsbedürftig sein. Sie sind auch gar nicht
als Referenz für das Bauen in hiesigen Regionen gedacht sondern als Beleg
dafür, dass es nicht primär um eine bestimmt Architektur geht sondern
um konkrete Qualitäten im öffentlichen Raum und die
Gebrauchsqualität der Freiräume und die richtige Verwendung der ganzen
typologischen Bandbreite für das Wohnen. Denn das ist ja gerade das Problem
im Münsterland. Wir wollen Siedlungen bauen und addieren nur die
Häuser und einen Haustyp – egal wie kunterbunt er sich gebärdet,
wir wollen die Qualitäten des Einfamilienhauses erhalten und entziehen ihm
das Grundstück und den Garten, wir entwickeln keine ausreichenden
Qualitäten im verdichten Wohnungsbau und im Geschosswohnungsbau und
beschweren uns dann, dass die Akzeptanz hinter unseren Erwartungen
zurückbleibt.
Im Rahmen der Regionale 2004 hat es einige
Wettbewerbsverfahren gegeben, die den mehr als löblichen Versuch
unternommen haben, in einigen Orten des Münsterlandes kleinere Siedlungen
zu bauen, die an die Tradition des Siedlungsbaus anknüpfen wollten. Es gab
schöne Pläne und gute Konzepte. Leider sind nur wenige
Wettbewerbsergebnisse in die Tat umgesetzt worden – genau genommen hatten
nur die Großstadt Münster und eine ambitionierte
Wohnungsbaugesellschaft den Mut, sich auf ein kleines Experiment einzulassen.
Ein Tropfen auf den heißen Stein aber immerhin. Ansonsten muss man
konstatieren, das Bereitschaft zum Umsteuern bislang nicht vorhanden ist –
auch weil gute aktuelle Beispiele nicht oder nur in geringem Umfang vorhanden
sind. Und Sie wissen ja – schwierig ist vor allem der erste Schritt.
Wir haben es in der Vergangenheit nur selten gewagt, Stadt zu bauen.
Stattdessen haben wir Probleme dadurch gelöst, indem wir die verschiedenen
Nutzungen fein säuberlich voneinander getrennt haben. Wenn es aber eine
ursprüngliche Logik des Bauen in ländlichen Räumen gegeben hat,
dann doch die, das verschiedene Nutzungen unter einem Dach verknüpft waren
und in einer engen räumlichen und funktionalen Beziehung gestanden haben.
Ich weiss deshalb gar nicht so genau, wie erstrebenswert es zukünftig ist,
immer Siedlungen aus einem Guss zu bauen – zumindest nicht nur
für ein soziales Milieu, für eine Einkommensgruppe,
ausschließlich für das Wohnen. Vielleicht dekorieren wir auch ja
deshalb unsere Städte so, um von ihrer Eindimensionalität abzulenken.
Wir sollten in einem ersten Schritt weniger über die Form als vielmehr
über das Programm noch einmal nachdenken.
Der öffentliche Raum
Ist heute
praktisch nicht vorhanden in den neuen Quartieren. Wir starren allzu sehr auf
die einzelnen Häuser. Stattdessen sollten wir uns auch um den Raum
dazwischen kümmern. Manchmal ist er viel zu groß und wir wissen
scheinbar gar nicht so recht, was wir mit ihm anfangen sollen und gießen
dann jede Menge bunte Steine hinein, lassen Bäume hin und her springen,
denken an alle Din Normen für die Müllfahrzeuge und die Feuerwehr. Wir
sorgen noch für die gesetzlich vorgeschriebenen Besucherstellplätze
aber danach fehlt die Phantasie. Wir dekorieren die Zwischenräume und
machen sie klein. Jede einzelne Profession nimmt sich seinen Teil und gestaltet
ihn nach Gutdünken. Wir planen die Vorstadt auf die grüne Wiese und
nennen es Dorf. Wir tarnen die Wendehämmer als Höfe und umzingeln sie
mit Häusern, die sich selbst genug sind.
An anderen Stellen ist der
Raum zwischen den Häusern zu klein, zu wenig prägnant. Wirkliche
Plätze, wirkliche kleine Parks um die sich die Siedlung versammeln
könnte, sind die große Ausnahme. Würde man aber mal eine
Flächenbilanz machen und innerhalb einer Siedlungserweiterung die
Prioritäten verschieben, zwischen wichtigen und weniger wichtigen
Räumen unterscheiden, ließen sich oft ohne Mehraufwand wirkliche
öffentliche Räume schaffen und es wäre auch noch genug Platz
für richtige Bäume. Weg mit dem ganzen leidigen Vokabular der
Vorstadt! Wirkliche Qualität entsteht erst im Zusammenspiel zwischen
öffentlichen Räumen, Freiräumen und Gebäuden. Solange wir
diesen Zusammenhang nicht ernst nehmen, werden keine überzeugenden
Ergebnisse entstehen können.
Planungsrecht
Wir sollten aber nicht
so tun, als käme das alles von Außen auf unsere Region zu, als
ließe sich nichts beeinflussen, nichts steuern. Wir steuern und
beeinflussen ja vieles. Alles ich sozusagen rechtens, was gebaut wird.
Mittlerweile werden die ganzen B- Bebauungspläne ja auch konsequenterweise
von Juristen wasserdicht gemacht. Man ist schon froh, wenn man an der Front Ruhe
hat. Alles das, was sie da draußen sehen, ist in Planungsbüros
entstanden, bei Bauträgern, bei Architekten, das ist alles in endlosen
Stadtplanungsausschusssitzungen zwischen den Parteien diskutiert und
verabschiedet worden und durch verschiedene Ämter begleitet worden und man
hat es oft gemeinsam für richtig gehalten, keinen Wettbwerb zu machen,
keine Alternativen zu prüfen, ein Risiko einzugehen, mal andere
Bauträger zum Zuge kommen zu lassen oder sie zu suchen. Umso erstaunlicher
ist es, wenn man dieses Schulterzucken im Nachgang bemerkt. Keiner will es so
recht gewesen sein. Die ganze Malais scheint etwas
Schicksalhaftes zu
bekommen.
Schaut man auf die Schnittmusterbögen des Planungsrechts
samt dazugehörigen textlichen Litaneien, so stellt man fest, dass wir einen
Formen- und einen Materialkanon fixieren, der dem Traditionellen
vordergründig sehr nahe kommt – ohne allerdings die
ursprüngliche funktionale und gestalterische Plausibilität ihres
Einsatzes und die handwerkliche Brillanz festzuschreiben. Denn eigentlich
wäre das ja wünschenswert: das Materialien ihr inneren Logik
gemäß eingesetzt werden und nicht nur als Dekor und Stimmungsmacher.
Wir sollten – verzeihen Sie mir das bisschen Pathos – den
Materialien ihre Würde nicht wegnehmen.
Sie kennen alle auch diese
ganzen Fiebeln und Satzungen, die alles Mögliche und Unmögliche regeln
wollen, die gute Beispiele zeigen, für Gauben und Dachziegel und Sprossen
in den Fenstern. Sie sind gut gemeint – manchmal gut gemacht. Interessant
ist es, zu schauen, was denn da jeweils festgelegt oder empfohlen wird.
Allzuhäufig sind es die gängigen Vorstellungen. Man verhindert gewiss
das Schlimmste. Architektur entsteht dabei aber nicht automatisch. Fibeln
können Grundlage für Beratungen und Richtschnur sein. Sie können
als Anlage zu Grundstückkaufverträgen gemacht werden. Sie sollten aber
offen gehalten werden denn.
Materialien
Schaut man sich die
heutige Vielfalt der Materialien an und beobachtet die Schrittgeschwindigkeit,
mit der immer neues, textiles, betonartiges, metallisches, gläsernes und
alles an Kombinationen dazwischen entwickelt wird, Baustoffe, die sich
klimatischen Bedingungen in einer erstaunenswerten Art immer wieder anpassen und
reagieren, Hüllen, die geklebt sind, die Energie produzieren können,
die demontierbar sind, dann wundert es schon, mit welcher Beharrlichkeit wir
Entwicklungen negieren. Die von uns heute so geschätzten historischen
Formen und Gebäude, denen wir so nacheifern, waren Ergebnis eines sehr
rationalen Bauens. Sie waren energieeffizient, die Baustoffe waren
ökologisch unbedenklich, sie entsprachen dem jeweiligen Stand der Technik,
sie waren selbstbewusst, sie waren abgeleitet aus der inneren Funktion, sie
reagierten auf die Topographie, sie interpretieren die Landschaft, die
klimatischen Bedingungen, sie waren meist multifunktional, sie sind heute noch
brauchbar und anpassbar und sie sind deshalb auch langlebig. Daran sollten wir
anknüpfen – nicht an die äußere Form. Wir sollten keine
Bilder festschreiben sondern Qualitäten. Die können von Ort zu Ort
ganz unterschiedlich sein, verschieden gewichtet werden und unterschiedlich
interpretiert werden.
Flächensparen
Wir reden immer
übers Flächensparen und meinen immer nur, das Wohnen. Alles andere
scheint vollständige Absolution erhalten zu haben. Wir versuchen bis
ins Kleinste das Wohnhaus zu reglementieren – erfolgreich oder erfolglos
– und vergessen dabei scheinbar, welcher Flächenverbrauch für
großflächiges Gewerbe und Einzelhandel auf der grünen Wiese
bereitgestellt wird. Wir hofieren die Einzelhandelsketten und erfüllen die
Maximalforderungen und sind zufrieden, wenn die große Schachtel ein
backsteinernes Kleid und eine rote Zipfelmütze trägt.
Ein paar Worte zur Umsetzung
Zwischen dem Blitz des Entwurfes und dem Donner der Baustelle erleben
wir einen dramatischen Qualitätsverlust. Wir reden uns ein, dass ein gutes
städtebauliches Layout in der Lage ist, die schlimmsten Ausreißer zu
bändigen und die viel beschworenen Freiheiten für die einzelnen
Bauherren garantieren kann. Seit Jahren geistern die Begriffe Robustheit und
Flexibilität durch das Vokabular von Planern und Politikern. Das ist eine
Gratwanderung mit der Flexibilität. Jeder nimmt für sich in Anspruch,
zu wissen, wie man sie interpretiert und anwendet und ganz schnell kann daraus
Beliebigkeit werden. Um wirkliche stadträumliche und freiräumliche
Qualitäten entstehen zu lassen, müssen die Kompetenzen gebündelt
werden. Es braucht eine kontinuierliche Betreuung der Projekte – vom
Masterplan bis zum Detail. Das braucht viel Know- how aber auch Geld und
Personal. Das hat sich immer wieder bestätigt. Die berechtigten oder
unberechtigten Einzelinteressen müssen gebündelt und aufeinander
abgestimmt werden. Und die unterschiedlichen Disziplinen müssen enger
miteinander verwoben werden. Und noch was ganz banales: Architekten
sollten auch Architektur entwickeln. Es gibt noch immer eine Verantwortung des
Architekten und des Planers für die gebaute Umwelt. Dass man sich
dafür einsetzt, dass die Qualität nicht auf der Stecke bleibt, ist
eigentlich eine Selbstverständlichkeit – auch und trotz geringer
Honorare. Leider beobachtet man immer wieder, wie leidenschaftslos
Bauanträge und Planungskonzepte in Serie gehen und man dann auch auf seine
Kosten kommt.
Vermittlung
Architektur und
Stadtentwicklung findet eigentlich im öffentlichen Diskurs nicht statt. Die
Themen hat unsere Gesellschaft delegiert an vermeintliche Profis, die sich aber
dann leider immer beschweren über mangelnde Aufmerksamkeit und fehlende
Akzeptanz und über die Ignoranz der Konsumenten. Es ist gerade unter
ambitionierten Architekten und Planern populäre, auf die Häuserbauer
einzudreschen, auf ihre Unkenntnis beim Bauen, über ihre
Verführbarkeit, ihren Wunsch nach Gemütlichkeit und Dekor. Da machen
wir es uns ein wenig zu leicht. Wir brauchen den sprichwörtlich langen
Atem, es muss nicht nur plausibel gebaut werden sondern auch plausibel
vermittelt werden. Schaut man da über die Grenzen, lässt sich vieles
lernen. In den Ländern, die wir gern als Vorbild nehmen – die
Niederlande, Dänemark und Österreich beispielsweise – hat die
Vermittlung von Architekturqualität einen ganz anderen Stellenwert als bei
uns. In Dänemark ist Umweltgestaltung Teil der schulischen Ausbildung und
zwar schon in einer sehr frühen Phase. In Österreich hat zum Beispiel
die so genannte Vorarlberger Schule einen breiten Diskurs als Vorlauf gehabt und
konkrete Personen, die etwas wollten, die Kopf und Kragen riskiert haben. Eine
Debatte über die Gestaltung unserer Lebensumwelten muss aus dem engen Kreis
der Architekten hinausgetragen werden.
Der BDA könnte sich
überlegen, ob es nicht im Zusammenspiel und in Kooperation mit andern
Einrichtungen und Verantwortlichkeiten ein kleines aber feines Haus der
Architektur geben könnte, das man mit vereinten Kräften zu einem Ort
des Diskurses macht. Da muss nicht immer und ausschließlich das Bauen hier
in der Region zum Thema machen. Man könnte Neugierde wecken, Blicke in
andere Regionen und über die Grenze wagen. Das Land NRW ist derzeit dabei,
ein so genanntes mobiles Museum für Architektur und Ingenieurskunst zu
entwickeln. Auch dort gäbe es Andockstellen.
Man muss aber auch
einfach anfangen – mit konkreten Orten und konkreten Projekten und
Programmen und nur mit denen, die wirklich etwas wollen, die einen Anspruch
haben, überzeugende Akzente in dieser Region zu setzen. Da sind Architekten
und Städtebauer ebenso angesprochen wie Bausparkassen, Städte genauso
wie Bauträger Behörden und Bauherren. Ich glaube nicht, dass man Zeit
hat, auch alle diejenigen zu überzeugen, die es sich in den bestehenden
Strukturen gemütlich gemacht haben. Es braucht eine Konkurrenz um die
besten Ideen - keine vorgefertigten Bilder. Es geht nicht um die Transformation
modischer Entwicklungen in regionale Verhältnisse sondern um die an
gegenwärtigen Bauaufgaben und technischen Möglichkeiten orientierte
Erneuerung der Architektur und des Städtebaus
Architekturqualitäten
Es
wäre schön, wenn es uns dadurch wieder gelingen könnte, in den
kommenden Jahren dem Städtebau und der Architektur eine neue Sinnlichkeit,
eine neue Emotionalität und Poesie zu verleihen - abseits populistischer
Maskerade und auch abseits von kargem Zweckrationalismus.
Das
Münsterland könnte Experimentierraum für zeitgenössische
Architektur werden, für eine Architektur, die neu ist und die neugierig
macht, weil andere Planungs- Herstellungsverfahren zum Einsatz kommen
können, weil neue Materialien Verwendung finden oder traditionelle
Materialen ihrer Logik gemäß verwendet werden oder anders und ganz
neu eingesetzt werden, weil zeitgemäßes Bauen emissionsfrei sein
sollte, weil Energieeffizienz eine viel größere Rolle spielen wird,
erneuerbare Energien eingesetzt werden und die Einpassung in die Natur und die
Umwelt nur mit minimalen Eingriffen erfolgt. Eine derartige Architektur wird
dann natürlich auch anders aussehen als die, die wir heute kennen. Nicht
deshalb, weil sie einer vordergründigen Andersheit das Wort
redet, sondern Ergebnis neuer gesellschaftlicher Anforderungen und
technologischer, wirtschaftlicher und künstlerischer Innovation sein kann.
Dabei geht es längst nicht nur um den Neubau sondern um die innovative
Weiterentwicklung der Bestände gleichermaßen. Innovationen sind nicht
planbar, systematische Suchprozesse können sie jedoch befördern. Diese
zu organisieren, wird eine wichtige Aufgabe der kommenden Jahre sein.
Dabei
wird die Suche nach neuen Architektur und Raumvorstellungen aber bedenken
müssen, dass es zunehmend schwieriger sein wird, gesellschaftliche
Entwicklungen und Bedarf präzise für einen langen Zeitraum zu
beschreiben. Deshalb werden bei der Entwicklung von Architektur für das
Wohnen, für Freizeit und neue Arbeitswelten Passgenauigkeit und
exakte Programme immer häufiger durch eine intelligente Unbestimmtheit der
Architekturkonzepte abgelöst. Starre Ready-mades werden an vielen Orten
durch anpassbare Stadt- und Raumstrukturen ersetzt werden. Große
Infrastrukturen werden wieder in die Konzept- und Formfindung einbezogen. Der
öffentliche Raum als Grundgesetzt der Stadt muss wieder stärker im
Entwurf thematisiert werden. Wir benötigen wieder Freiraumqualitäten
in den Siedlungen. Wir sollten überlegen, ob nicht manchmal das
pflegeleichte Dauergrün und die grünen Mindestabstände zwischen
den Häusern wieder zu Gärten werden müssen. Einiges ließe
sich bündeln, zusammenlegen und vor allem zusammen denken. Es könnten
kraftvolle gemeinschaftlich genutzte Freiräume entstehen, die den
Siedlungen eine eindeutige Adresse und Bezugsraum geben. Die öffentlichen
Räume sollten zur neuen Visitenkarte werden. Dazu brauchen wir vielleicht
neue gestalterische Antworten um der vordergründigen Dekoration zu
entkommen.
Man sollte wieder beweisen, dass gute Architektur bezahlbar
ist. Herr Conradi, den viele von Ihnen ja kennen, hat vor einiger Zeit einmal
bemerkt, dass er in kein Flugzeug einsteigen würde, wenn es so konstruiert
und gebaut würde, wie unsere Häuser. Das Bauen hinkt der
Innovationsgeschwindigkeit anderer Branchen und Wissensgebieten meilenweit
hinterher. Wir reden über kostensparendes Bauen und reduzieren immer
nur die Grundstücksgrößen. Hier können wir wahrscheinlich
mit einem Blick über die Grenze unserer Disziplin und in die Niederlande
vieles lernen. Man sollte die Nutzungen stärker mischen, man sollte eine
Pluralität der Architekturen zulassen, ohne in Beliebigkeit enden zu
müssen. Architektur sollte sich vordergründig modischen Zierrats
entzieht. Letzteres gilt übrigens für die Landschaftsarchitektur
gleichermaßen.
Fazit
Um kein falsches Bild dieser
Region zu vermitteln: Viele Städte und Gemeinden sind noch immer vital, Sie
haben es geschafft, wirtschaftlicher Prosperität zu stimulieren. Sie haben
in den zurückliegenden Jahrzehnten ihre historischen Kerne mit viel
Behutsamkeit, Liebe zum Detail und nicht zuletzt mit großem finanziellem
Aufwand saniert. Die viel gerühmte münsterländische Kultur- und
Parklandschaft gibt es trotz allen strukturellen Wandels in der Landwirtschaft
noch immer und Sie ist im Zusammenspiel mit den historischen Ortslagen, das, was
unsere innere Landkarte des Münsterlandes bestimmt. Sie sind noch immer
stark. Wir sollten trotzdem beginnen, ein paar zusätzliche
zeitgenössische Koordinaten auf diese Karte zu schreiben. Die Regionale
2004 hat das getan und gleichzeitig gezeigt, dass es keine Rezepte und keinen
Königswege gibt. Es sind viele Schritte und Stellschrauben, die wir gehen
und an denen wir drehen müssen. Für Verklärtheiten und
Naivitäten ist deshalb sicherlich kein Platz, für Pessimismus aber
schon gar nicht Denn trotz aller Überformungen und Erschütterungen
sollten wir uns an Noteboom erinnern – dem großen
niederländischen und europäischen Denker und Schriftsteller der in
einem schönen Text über die Verlockungen der Stadt folgendes sagt: Wir
könnten jetzt noch lange reden und staunen über die Vielseitigkeit von
Städten und ihre Häuser, über die merkwürdige Art und Weise,
wie sie plötzlich irgendwo mitten auf einer Fläche beginnen, über
die täglich wiederkehrende Ebbe und Flut ihrer Bevölkerung, über
die Tatsache, dass aus allen Hähnen Wasser fließt, dass man immer
wieder in allen Restaurants etwas zu essen bekommt, dass man sich so gut in den
Städten verbergen kann, dass sie manchmal schon fast vor dem Tode stehen
und dann doch nicht sterben, dass sie sich auf dem Untergrund ihrer eigenen
Geschichte selbst in einem fortbauen, dass man in ihnen in aller
Öffentlichkeit albern sein kann, unbemerkt sterben kann, seine Botschaften
von Hass und Liebe an die Mauern schreiben kann, dass sie unendlich arm sind und
die größten Schätze beherbergen, dass sie die Vergangenheit in
ihren Straßennamen bewahren, das sie ihre Bewohner man kosen und dann
wieder strafen und dass diese Bewohner immer wieder namenlos verschwinden und
die Stadt einfach weitergeht, eine Passage, ein Durchgangshaus, ein Charakter,
eine Seele, die ihre Bewohner dazu benutzt, um sich selbst zu behaupten.
Vielen Dank